Lieber Pressemensch,

du bist sehr wahrscheinlich auf dieser Seite gelandet, weil du es kurios findest, dass da ein Mensch, den du als Mann erkannt hast, in einem Beruf arbeitet, den du als Frauenberuf bezeichnest.

Ich verstehe, dass du deinen Lebensunterhalt mit großen und kleinen Sensationen verdienst und scheinbar hast du das Gefühl, dass du eine solche bei mir, der männlichen Hebamme, finden könntest.

Ich fürchte allerdings, dass ich dich da enttäuschen muss…

Wir leben im 21. Jahrhundert. Geschlecht ist keine Kategorie mehr, mit der sich die Welt ordnen, gar verstehen lässt. Geschlecht ist ein Spiel, ein bunter Tanz, ein Spiegelkabinett zwischen Identität und Repräsentation. Und Geschlechtlichkeit ist ein großer Spaß – fürs Private.

Bitte frage mich nicht, wie es ist, als Mann Hebamme zu sein, denn ich weiß die Antwort nicht. (Das einzige, was ich sagen kann, ist dass die Presse im Schnitt einmal die Woche anklopft, was sie bei meinen Kolleginnen nicht tut, egal wie großartig sie sind…). Ich bin einfach nur Hebamme, mit einer entsprechenden professionellen Ausbildung, einem entsprechenden professionellem Selbstverständnis und einer entsprechenden professionellen Berufspraxis und unterscheide mich darin in keiner Weise von meinen weiblich definierten Kolleginnen. Auch meine Motivation, Hebamme zu werden, unterscheidet sich nicht wirklich von der vieler Kolleginnen, die so arbeiten wie ich. Ich bin Mann und männliche Hebamme nur in der Zuschreibung von außen, wie z.B. in der Zuschreibung durch dich. In meinem beruflichen Wesen, Denken, Fühlen, Reden, Handeln bin ich einfach nur Hebamme.

Es tut mir leid, dass ich dir auf deiner Suche nach Exotik und kleinen Sensationen nichts bieten kann. Du kannst dich davon selbst überzeugen, denn befreundete Menschen deines Berufsstandes haben in der Vergangenheit schon mediale Repräsentationen meines Tuns erarbeitet und gezeigt, dass ich nichts anderes bin und tue, als es der Rest meines Berufsstandes. Ich fühle mich jedenfalls bereits mehr als ausreichend manifestiert in Wort und Bild und meine Männlichkeit wurde mitlerweile auch erschöpfend debattiert.

Hier mal 2 Beispiele:

Solltest du aber als Mensch und Journalist_in an dem schönsten aller Berufe interessiert sein und eine ehrliche Motivation in dir tragen, mit deiner Arbeit für den Erhalt dieses Berufes und die Freiheit seiner Ausübung zu wirken, biete ich dir gerne meine Hilfe an. Lass uns gemeinsam überlegen, was die brennenden Themen sind und schauen, ob ich dich in irgendeiner Form unterstützen kann, interessante Berichte darüber zu kreiieren.

Der außerklinischen Geburtshilfe geht es gerade wirklich nicht gut und der wirtschaftliche Druck auf Geburtskliniken ist auch nicht ohne und so ist das Berufsleben meiner Klinik-Kolleginnen auch kein Zuckerschlecken.
Wir befinden uns gerade an einem kritischen Punkt. Hebammen zu haben oder nicht, auch noch für die nächsten Generationen, ist von gesamtgesellschaftlicher Relevanz, denn "es ist nicht egal, wie wir geboren werden". Lass uns doch lieber darüber sprechen, schreiben, Filme machen – was du willst. Das ist in jedem Fall interessanter, als meine geschlechtliche Identität und etwas, in dass ich sehr viel lieber meine Zeit investieren würde!

Ich wünsche dir einen schönen Tag und vielleicht höre ich von dir mit einem spannenden Proposal.
Liebe Grüße,
Peter